Eine kapriziöse Kämpferin
2006 mit Lola in Berlin-Schmargendorf Waldtraut Lewin zum 75. Geburtstag Ohne täglich zu schreiben, kann sie nicht leben. Nur Lola Flocke, die große schwarze Hündin, hat frühmorgens Vorrang. Da streifen die beiden nicht mehr ganz jungen, eleganten Damen durch Berliner Parks. Dann aber geht’s voller Lust und Einfälle an den Computer. Was so in einem fünfundsiebzigjährigen Leben entstand, ist erstaunlich. Waldtraut Lewin ist in vielen Genren – historischen Romanen, Zaubermärchen, Krimis, Fantasy-Geschichten, Erzählungen, Libretti, Biographien – zu Hause. Oft folgte dem einen Band ein zweiter und dritter, ihre Helden ließen sie nicht los. Etwa die „kleinen“, in der Literatur bisher unbeachteten „stillen“ Römer oder die Jahrhundert-Geschichte der Bewohner eines „Berliner Hauses“ (Vorder- und Hinterhaus) oder das Schicksal von Leonie Lasker, die am Vorabend des Faschismus die schier unlösbare Aufgabe - die Erweckung des Golem – erfüllen soll. Auch wenn mit ihrem Erfolgsroman „Federico“ (1984) der Stauferkönig Friedrich II. einer ihrer besonderen Lieblinge geblieben ist, mehr und mehr rückten die „starken“ eigenwilligen Frauen in ihr Blickfeld, ob Dona Gracia („Die Jüdin von Konstantinopel“, 2010) oder nun Prinzessin Valada, Tochter des Sultans Muhammad III. ( „Valadas versinkende Gärten“). Manchmal wirken die meist auf Fakten beruhenden Geschichten wie "historische Märchen", denn die Autorin legt viel Liebe und humanistischen Glauben in ihre Figuren.
2008 mit Sohn Niklas auf einer Hochzeit in Dresden Noch bevor die Fantasy-Welle die literarische Szene überschwemmte, gab es in ihren Büchern bereits wundersame Begebenheiten und Gestalten mit magischen Fähigkeiten. Aber entgegen dem üblichen Trend waren diese Wunder nicht gänzlich aus unserer Welt entrückt. Waldtraut Lewin besteht auf historisch genau recherchierten Hintergründen. Sie lässt eine völlige Flucht aus der Realität nicht zu. Dieser Unterschied bereitet jugendlichen Lesern zuweilen Schwierigkeiten, doch die Autorin beharrt darauf: Phantasie – ja, doch unsere vergangene oder gegenwärtige Erdenwelt bleibt die Basis ihrer Geschichten. Waldtraut Lewin ist eine – wenn vielleicht auch kapriziöse und bestimmt ungewöhnliche – Kämpferin. Wie viele in der DDR bekannte Künstler hatte sie es nach 1990 nicht leicht, sich in der großen und oft flachen literarischen Landschaft zu platzieren und zu behaupten.
2011 in Israel Aber sie gab nicht auf, sie schrieb. Neben ihrem Lieblingsfeld, der Historie, rückten stärker jüdische Stoffe in den Vordergrund. Dank eines cleveren Großvaters, der einen Ariernachweis für die Seinen beschafft hatte, konnte sie und ihre Mutter einigermaßen unbeschadet die Nazizeit überleben. Umso folgerichtig war es für sie, sich mit den Wurzeln, Lehren und Riten der Juden zu beschäftigen. Als weltoffene moderne Frau nicht zur Religiosität geeignet, drang sie tief ein in jüdische Geschichten und in die Geschichten der sehr verschiedenen Kämpfer und Träumer, Händler, Künstler, Rabbiner, Bankiers, „Ost“- und „Westjuden“, der Sepharden und Aschkenasen. Vor kurzem hat sie eine zweibändige Geschichte der Juden – „Der Wind trägt die Worte. Geschichte und Geschichten der Juden“ – beendet, geschrieben nicht nur für Jugendliche, aber so spannend und locker, dass auch die von Spielkonsolen verwöhnten „Kids“ zu diesen Wälzern finden dürften. Wie gesagt: Sie schreibt täglich. An diesem für sie besonderen Tag, sollte sie die Verehrung ihrer Fans entgegennehmen und genießen. Christel Berger |